Mehr Tierwohl im Fleischregal – Fortschritt braucht Verträge
Weave-Recherche im Auftrag der Deutschen Umwelthilfe (DUH)
Eine qualitative Befragung unter Marktexpert:innen, Schlachtbetrieben und Lieferant:innen der Fleischbranche im Auftrag der Deutschen Umwelthilfe (DUH) zeigt: Discounter und Supermärkte sind weit davon entfernt, ihre selbstgesteckten Ziele für mehr Tierschutz zu erreichen. Fragen, die im Rahmen der Recherche direkt an die Supermarktunternehmen gerichtet wurden, blieben unbeantwortet.
Mit dem 2019 eingeführten fünfstufigen Haltungsform-Label reagierten die Unternehmen des Lebensmitteleinzelhandels (LEH) auf den Wunsch der Verbraucher:innen nach mehr Transparenz über die Haltungsbedingungen von Tieren. Alle großen Supermärkte und Discounter wie Rewe und Edeka und die Schwarz-Gruppe mit Lidl und Kaufland kündigten an, bis 2030 Frischfleisch aus den Haltungsformen 1 und 2 aus dem Kühlregal zu verbannen, sofern ausreichend Tierwohl-Produkte verfügbar seien.
Davon ist der Markt noch weit entfernt. 78 bis 90 Prozent des Frischfleischs und der Fleischzubereitungen von Hähnchen, Pute und Schwein in Selbstbedienungstheken stammen weiterhin aus den Haltungsstufen 1 und 2. Bei Frischfleisch liegt der Anteil der höheren Haltungsstufe 3 im Schnitt bei 11 Prozent, bei verarbeiteten Produkten sogar nur bei 3 Prozent.
Auch bei der Haltung von Schweinen ist der Wandel bislang gering: Mehr als 90 Prozent der deutschen Mastschweine werden weiterhin in den Haltungsstufen 1 und 2 gehalten. Expert:innen erwarten bis 2030 keinen substanziellen Wandel. Die Interessengemeinschaft der Schweinehalter schätzt, dass der Anteil der Tiere aus höheren Haltungsstufen bis dahin lediglich auf rund 12 Prozent steigen wird.
Nach der vorliegenden Branchenrecherche fehlen die notwendigen Voraussetzungen, um die Verfügbarkeit von Tierwohl-Produkten bis 2030 sicherzustellen. Dazu gehören insbesondere langfristige Verträge mit landwirtschaftlichen Betrieben und Fleischlieferanten. Nur Aldi plant einen bedingungslosen Umstieg auf die höheren Haltungsstufen. Nach eigener Aussage erzielt der Discounter aktuell etwa ein Drittel seines Umsatzes mit Eigenmarken aus den Haltungsformen 3, 4 und 5.
Der Umbau der Tierhaltung erfordert zudem eine stabile Finanzierung. Der geschätzte Bedarf liegt bei 3 bis 4 Milliarden Euro jährlich. Das staatliche Bundesprogramm zum Umbau der Tierhaltung (BUT) wurde von Landwirtschaftsminister Alois Rainer vorzeitig beendet, obwohl die Nachfrage seitens der Landwirt hoch war und die bereitgestellten Mittel vollständig abgerufen wurden. Auch die gesetzliche Tierhaltungskennzeichnung wurde erneut verschoben, auf Januar 2027. Wie ambitioniert sie letztlich ausgestaltet sein wird, ist weiterhin unklar.
Die Recherche zeigt Handlungsbedarf sowohl bei den Unternehmen des LEH als auch bei den politischen Entscheidungsträger:innen. Die Unternehmen sollten zum Beispiel langfristige, produktionskostenbasierte Dreiparteienverträgen mit Fleischlieferanten und landwirtschaftlichen Betrieben von mindestens fünf Jahren abschließen. Diese müssen Planungssicherheit und kostendeckende Preise garantieren. Zudem sollten die Unternehmen ihre Tierwohlziele auf das gesamte Sortiment ausweiten und nicht auf Eigenmarken beschränken.
Auch die Politik ist gefordert: Das Bundesprogramm zum Umbau der Tierhaltung sollte wiederaufgenommen und mit ausreichenden Mitteln ausgestattet werden. Mehrleistungen für Tierwohl müssen finanziell honoriert werden. Zudem sollte die staatliche Tierhaltungskennzeichnung
ohne weitere Verzögerung und ohne Verwässerung verabschiedet werden – einschließlich ambitionierter Regeln für die Außerhausverpflegung, auf die rund ein Drittel des Fleischabsatzes entfällt.
Für die Recherche wurden von Herbst 2025 bis Januar 2026 die zehn größten Schlachtbetriebe in Deutschland angeschrieben. Ein Drittel von ihnen nahm an der Befragung teil. Zudem wurden Expertinnen und Experten aus Landwirtschaft und Fleischverarbeitung in qualitativen Befragungen zu ihren Erfahrungen, konkreten Tierwohl-Vereinbarungen und ihrer Einschätzung befragt, wie das selbstgesteckte Ziel der Supermärkte erreicht werden könnte. Ergänzend wurden Beiträge aus der Fachliteratur ausgewertet. Ein Fragebogen, der direkt an die Supermarktunternehmen versendet wurde, blieb unbeantwortet.
Die Weave-Recherche „Mehr Tierwohl im Fleischregal – Fortschritt braucht Verträge“ im Auftrag der DUH gibt es hier: Zur vollständigen Recherche (PDF)